Kundenbrief

Liebe Kunden,
so, jetzt wird es aber Zeit.

Zwei Wochen tollstes Winterwetter: Eiszapfen hängen an meiner Nase und ich fühle mich so lebendig wie selten...
Sie ahnen es sicher schon: Ich treibe mich mal wieder draußen rum. Nicht im Büro auf meinem bequemen Höckerchen, nein, in schwindelnden Höhen klettere ich auf unseren Apfelbäumen herum. Es ist herrlich. Sägemehl in den Augen und im Nacken, Windböen Stärke 8 in 8 Metern über dem Boden, lahme Arme vom Sägen und Leiter tragen, nicht zu vergessen die Eiszapfen... es ist herrlich. Doch, ganz ehrlich, als Bürohengst genieße ich es, wenn ich mal die Gelegenheit habe, draußen aktiv zu sein. Das Sägemehl in den Augen ist das störendste an der Sache, aber das ist einfach eine Frage der Technik. Wer von oben sägt hat das Problem nicht. Die Höhe macht die Sache schon manchmal etwas aufregend, wobei ich mich inzwischen tatsächlich auch sichere. Ich nutze zwar das Seil und den Gurt nicht wie Tarzan die Liane, aber immerhin stürze ich, sollte ich doch mal runtergeweht werden, nicht auf den Boden. Dass ich im Büro leider etwas meiner Fitness verloren habe, stelle ich traurig immer wieder fest und was noch trauriger ist: andere auch. Natürlich versuche ich mir immerwieder meinen Schmerbauch schönzureden, aber das klappt nichtmal bei mir selbst, wie soll ich dann andere davon überzeugen, was ich doch für ein Adonis bin? Aber warten Sie es nur ab, noch zwei, drei Wochen schönes Wetter und ich bin bereit für die Freibadsaison.
Jetzt zum informativen Teil des Kundenbriefes: Warum lasse ich die armen Bäume nicht einfach wachsen wie sie wollen, sondern säble ihnen die mühevoll aufgebauten Äste wieder ab? Tut das nicht weh? Die haben doch einen Sinn! Baumquäler!
Und Tasächlich, das entfernen von Ästen ist für einen Baum sicher in dem Moment nicht angenehm. Reißt es doch eine Wunde in seine belebte Hülle. Sicher haben Sie schon einmal die Verheilung eines abgesägten Astes angesehen. Von der Rinde rund um den Schnitt wächt ein Callus, der die Wunde verschließt, meist sogar fester, als der Ast, ohne diesen Eingriff an der Stelle wäre. Man könnte es mit einer Schweißnaht im Metallbau vergleichen. Allgemein unterstützt das Beschneiden das Dickenwachstum der Äste, so dass sie in der Lage sind die, durch Züchtung seit Jahrhunderten geförderte Fruchtlast zu tragen. Außerdem verbessert die Durchlüftung das Abtrocknen und die Früchte bekommen mehr Sonne. Natürlich dient der Schnitt auch dem Enfernen kranker Äste. Eine besonders unerfreuliche Holzkrankheit ist der Obstbaumkrebs, ein Pilz, der sich besonders bei Feuchtigkeit und kühlen Temperaturen verbreitet. Daher ist die trockene Kälte perfekt, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Ich freue mich über die Sonnenstrahlen und mein Freund der Baum kriegt eine neue Frisur, die auch noch zur Genesung beiträgt.
Herzliche Grüße
für die Hofgemeinschaft
Henning Jahn