Liebe Kunden,
"ich bin sein Chef"

antwortete ich in einigen Gesprächen auf der Party unseres Fahrers Gerd. Er hat sich mit seiner Frau ein beschauliches Häuschen angelacht und es zünftig eingeweiht. Es waren Menschen aus Gerds verschiedensten Lebensphasen eingeladen und feierten gemeinsam. Was in meiner Studentenzeit Alltag war, ist heute ein rar gesätes Event, dem man voller Vorfreude entgegenfiebert. Und ich wurde nicht enttäuscht: Tanzen, am Feuer sitzen, neue Leute kennenzulernen bereitet mir ebensogroße Freude, wie z.B. das Schreiben von Kundenbriefen. Was mir hingegen schwerfällt ist das einleitende Thema: Ich bin jemandes Chef. Als selbstständiger Unternehmer habe ich mich vor einigen Jahren schon versucht, hatte da durchaus Erfolg und fühlte mich wohl in meiner Haut- selbst verantwortlich zu sein für das, was man leistet, erfüllt mit Zufriedenheit und macht Spass. Manchmal ist es schwierig, gerade, wenn man das Unternehmen erst aufbaut und der ökonomische Erfolg sich erst beginnt einzustellen (oder gar ausbleibt). Die Situation, in die ich hier katapultiert wurde, ist aber ja eine ganz andere: ein gut laufendes Unternehmen stellte mich zunächst quasi als Assistenz der Geschäftsführung an, bis ich bereit war, den Schritt in die GbR zu gehen, selbst zur Geschäftsführung zu werden und somit zu verantworten, dass der Laden läuft. Die Koordination und Entlohnung der Mitarbeiter sind Arbeiten, die noch relativ einfach von der Hand gehen. Wenn hingegen Entscheidungen anstehen, wie sich das Unternehmen entwickeln soll, kommt in mir schon eher das Gefühl auf, Chef zu sein und ein kleines bischen Unsicherheit keimt auf. Natürlich möchte ich, dass der Betrieb floriert und wächst, sich zum Guten entwickelt und dem Hof genug Geld einbringt, dass nötige Investitionen getätigt werden können. Mit dieser Verantwortung zu leben, erzeugt zwar einen gewissen Druck, der sich aber für mich natürlich und richtig anfühlt. Ich hatte schon immer einen Leistungsanpruch an mich und kann dem auch für mein Gefühl hier ausreichend gerecht werden. Was mich aber derzeit noch ziemlich fordert, ist die Position des Chefs einzunehmen. Sie widerspricht meinen früheren Vorstellungen davon, wie die Welt laufen sollte. Sie erinnern sich vielleicht an Ton Steine Scherben "...wir brauchen keine Sklaven und keine Chefs...", was meine Meinung ganz gut widerspiegelte, wodurch ich jetzt aber irgenwie in einem Dilemma stecke. Da helfen mir aber meine Mitarbeiter bestens zu herauszukommen: am Ende der Party gestand mir Gerd, wie komisch es sich für ihn anfühlt, zu sagen, ich sei sein Chef. So schaffe ich (zumindest aus Sicht eines meiner Angestellten) die Gratwanderung zwischen Freundschaft und Vorgesetzter so, wie ich es mir für die ganze Welt wünschen würde: Hand in Hand auf Augenhöhe und gemeinsam.
Ich bin ihm und auch meinen anderen Mitarbeitern dankbar für ihr Vertrauen, ihre Offenheit und ganz besonders dafür, dass sie mich nicht wie den doofen Chef, sondern wie einen von ihnen behandeln und als Teil des Teams sehen. Wenn ich ein guter Chef sein sollte, dann nur, weil ich ein super Team habe.
Für die Hofgemeinschaft
Henning Jahn