Liebe Kunden,
ich verbringe momentan für zwei Wochen meine Zeit auf diesem lebensfrohen Hof.

Der Grund des längeren Aufenthaltes ist ein Wirtschaftspraktikum meiner Schule. Manche meiner Mitstreiter bewarben sich um einen garantiert langweiligen Job bei karohemdtragenden Büroangestellten. So was wollte ich auf jeden Fall umgehen. Also grübelte ich, wo ich eine abwechslungsreiche Zeit mit wirtschaftlichem Schwerpunkt erleben könne. Ich hatte einen Geistesblitz, das Wort „Landwirtschaft“ ist nicht umsonst aus „Land“ und „Wirtschaft“ zusammengesetzt. Sofort knüpfte sich das „Gut Rothenhausen“ in die Gedankenkette an, weil ich hier einen Großteil meiner Kindheit verbrachte: als kleines Kind in der Spielgruppe, beim Möhren ernten, Eier sammeln mit Günter (den wohl besonders die langjährigen Kunden unter Ihnen kennen) oder beim Reiten. Nach einem spontanen Vorstellungsgespräch im Hofladen mit Henning Jahn, konnte ich mich auf die Zeit im Januar freuen. Am Sonntagabend um neun zeigte mir Henning meinen Schlafplatz, wo ich die nächsten zwei Wochen bleiben durfte. Ich wurde auf dem Lehrlingsflur untergebracht, auf dem gerade auch Björn, Aina und Britta wohnen. Gemeinsam stellten wir Thesen auf, die erklären, warum viele Anthroposophen schon so früh graue Haare bekommen und dass diese den isländischen Baumgottheiten doch überraschend ähneln. Auch das Thema der Charakterprägung durch Sternzeichen in Kombination mit dem Aszendenten war eines Gespräches würdig. Neben solchen interessanten Gesprächen, konnte ich bislang auch viele über die „Berufslaufbahn“ einzelner Hofmitglieder erfahren, bei welchen sich noch einmal bestätigte, dass Leute, die auf einem biologisch-dynamischen Hof arbeiten, keineswegs zu blöd für Studiengänge oder allgemein höher angesehene Berufe wie Anwälte, Ärzte oder Ingenieure sind (tatsächlich sind wir fast alle Ingenieure, Anm. d. Red.). Die meisten stellten sich vielmehr die Frage nach der Lebenserfüllung bei dem, was sie tun und wollen aus dem sich immer schneller drehenden Gewinnmaximierungsrad aussteigen. Nach meiner ersten Woche bewahrheitet sich mein vorherig aufgestellter Vergleich des Hofes mit einem Wichteldorf immer mehr: Frühmorgens erhellt sich in den hölzernen Häusern das Licht und leuchtet heimelig in der Dunkelheit. Verena und Frank huschen bei der Kälte in die Backstube und bereiten die Teige zum Kneten vor, Karo beginnt, Käse oder Joghurt herzustellen, Björn und Aina schälen sich in die Stallkleidung und widmen sich den Kühen,...
Jeder hat seine individuelle Aufgabe und doch kommen sie immer wieder zum gemeinsamen Reden, Essen und Singen zusammen; alles ein regelmäßiger ruhiger Ablauf, in welchem ich von allen Seiten herzlich aufgenommen werde. So kehren für mich Kindheitserinnerungen wieder, mischen sich mit neuen Erfahrungen, ich lerne, wie der Hof wirtschaftet, genieße die Ruhe in der Natur und stöbere in interessanten Büchern.
Liebe Grüße
Marie Lindig