Liebe Kunden,
die Schneeglöckchen stehen in voller Pracht und wo die sind ist der Frühling nicht weit.

Die vergangene Woche sah man mich mit Leiter, Säge und Schere bewaffnet über unsere Weiden ziehen. Ich hoffe, dass Sie nicht stöhnend den Zettel zerknüllen und in die Ecke schmeißen, weil ich schon wieder vom Obst anfange - auf der Rückseite sind ja noch die tollen Rezepte, die Carmen Ihnen zum Gemüse rausgesucht hat. Und für die, die Obstgeschichten immer noch nicht satt haben: Obstbaumschnitt mache ich nicht nur, weil ich gerne klettere und auch mal frische Luft brauche und tolle Mitarbeiter im Lieferservice habe, die mir die ganze Arbeit abnehmen, sondern auch weil es den Bäumen gut tut. Ältere Bäume bekommen nochmal frischen Schwung und junge Bäume die richtige Richtung. Ich mache das ja auch noch nicht ewig, daher ist es faszinierend zu beobachten, wie sich meine Maßnahmen von den letzten Jahren ausgewirkt haben. Bei einigen Bäumen ist die Rechnung aufgegangen, andere reagieren anders, als ich gehofft hatte. Wenn man z.B. einen älteren Baum starkt zurückschneidet, ist die erwartete Reaktion ein starker Austrieb, da der Saft, den die Wurzel nach oben schickt, ja irgendwo hin will. Das hat hie und da funktioniert; wenn die Bäume aber an einem trockenen Standort stehen, holt man mit der Verjüngungskur nicht so viel heraus. So lehrte mich das letzte Jahr, dass Eingriffe nur dann den vollen Erfolg bringen können, wenn auch der Standort und das Wetter mitspielen. Ähnlich ist es ja auch mit dem Gemüse. Die viele Sonne letztes Jahr hat uns da (wie auch beim Obst) eine Rekordernte eingetragen. Da ich aber nicht weiß, wie es dieses Jahr wird, muss ich einfach vom Durchschnitt ausgehen und kann nur auf den Standort Rücksicht nehmen. Die Eigenschaften der verschiedenen Standorte lernt man natürlich auch erst im Laufe der Jahre kennen. Wir haben auf Gut Rothenhausen sehr stark schwankende Bodenverhältnisse. Manche Ecken sind sandig, also trocken und schnell warm, während ein paar Meter weiter schon ein hoher Tonanteil in der Erde den Boden lange kalt und feucht bleiben lässt. Ein Ackerbauer, der jedes Jahr die Erde bewegt, bekommt die verschiedenen Beschaffenheiten sehr direkt mit. Der Pflug bietet mehr Widerstand, wenn er durch schwere Erde schneidet, wenn man im Ton aussäht, bilden sich an der Kreiselegge Klumpen, wenn er zu nass ist und man kommt kaum rein, wenn er zu trocken ist. Klar, wenn ich mit meiner Leiter im Sumpf stecken bleibe, merke ich auch, dass es nass ist, aber das passiert ja nicht so oft. Da kann ich zwar damit rechnen, dass bei starkem Rückschnitt starker Neuaustrieb folgt, ich muss aber auch besonders darauf achten zu trockenen Zeiten zu schneiden, da hier die Gefahr einer Pilzinfektion höher ist. Viele kleine Details müssen also berücksichtigt werden, wenn man alles richtig machen will und trotzdem gibt es äußere Faktoren, durch die alles anders kommt als geplant. Obst ist also wie das echte Leben.
Herzliche Grüße
Henning Jahn