Liebe Kunden,
wenn sie in dieser Woche über den Hof gingen, hörten sie vielleicht die Kuh Ulme ohne Unterbrechung muhen...

sie rief nach ihrem Kalb. Leider können unsere Kühe nicht ihr ganzes Leben mit ihrem Kind in engem Kontakt verbringen. Das liegt unter anderem daran, das die Kälbchen zu viel Milch trinken würden, was ihnen nicht gut tut. Manchmal fällt es der frischgebackenen Mutter schwer, die Trennung von ihrem Jüngsten einfach so hinzunehmen. Das ist ja irgendwie auch verständlich, ich z.B. fände es auch nicht gut, kurz nach der Geburt von meinem Kind getrennt zu werden. Wahrscheinlich geht es den meisten von Ihnen ähnlich. Wie sollen wir, wenn wir unsere Tiere artgerecht halten wollen, auf solch eine Herausforderung reagieren? Wahrscheinlich ist muttergebundene Kälberaufzucht der Weg der Wahl. Leider ist dieser Weg mit baulichen Veränderungen verbunden, wie ich wahrscheinlich schon einmal in einem Kundenbriefe erwähnt habe. Ulme ist unsere jüngste Kuh, war mit der ganzen Situation etwas überfordert. Erst stand sie brüllend vor der Kälber-Box und schrie ihr Kalb an, wovon natürlich auch der eine oder andere in ihrem Umfeld etwas mitbekam. Wenn man sie dann vor dem Melken zu ihrem Kalb lassen wollte, hatte sie Angst davor, an den Ort der Geburt zu gehen; möglicherweise hatte sie eine traumatische Erfahrung dort gemacht. Sie stellte sich einfach etwas weiter entfernt von der Box hin und brüllte weiter ihr Kalb an. Als dann Bauer Martin hinter ihr her rannte, um sie zu ihrem Kalb zu führen nahm sie Reissaus und sauste durchs Tiefstreu (Sie erinnern sich?) und über den ganzen Freilauf-Hof und der Bauer rutschte auf dem einen oder anderen Kuhfladen aus. Wer nicht will, der hat schon. So bekam das Kalb leider nur die von Ulme abgemolkene Milch zu trinken und durfte nicht an ihrem Euter nuckeln. Aber ganz ehrlich, wir haben unser Bestes gegeben - manchmal sabotiert auch das Tier seine artgerechte Haltung.
Ich muss gestehen, dass mir die einjährige Erfahrung auf einem Milchviehbetrieb in der Arbeit mit den Tieren durchaus gereicht hat, mir zu zeigen, dass das Arbeiten mit Tieren nicht meiner Natur entspricht. Ich liebe es in Bäume zu klettern und Äste abzusägen, aber wenn eine Kuh nicht will wie ich es von ihr möchte, dann verliere ich sehr schnell die Geduld. Das mag Ihnen vielleicht seltsam vorkommen, da ich am Telefon recht umgänglich erscheine; das ändert sich aber sofort, wenn so ein Frollein mit ihren 500 Kilo in eine andere Richtung zieht, als ich sie mit meiner sanften Art versuche zu leiten. Ich bin einfach zum Scheitern verurteilt, wenn ich mit so großen eigenwilligen Lebewesen konfrontiert werde. Zum Glück hat jeder seine Spezialität und kann sich dort austoben und entfalten. Wenn ich an Bastl unseren Zimmermann denke, der die Hühner versorgt, muss ich gestehen, dass meine Fähigkeiten diese Arbeit zu verrichten nahe 0 sind. Nicht nur dass ich den Beruf nicht gelernt habe, mir fehlt auch ein gewisses Maß an Präzision, räumlichem Vorstellungsvermögen und praktischem Verständnis. Ich habe zwar keine zwei linken Hände, rechte sind es aber auch nicht - und wenn ich daran denke, dass unsere Käserin Karo jeden Tag mehrere Stunden im heißen Dampf steht, lobe ich mir doch auch meinen Bürojob bzw. das Klettern an der frischen Luft. Vielen Dank, dass Sie es jedem von uns möglich machen, sich bei dem zu entfalten was ihm am meisten liegt oder worauf er gerade Lust hat.
Herzliche Grüße
Henning Jahn