Liebe Kunden,
hoffentlich haben Sie sich von der schweren Kost letzte Woche gut erholt, vielleicht sind Sie ja sogar künstlich etwas intelligenter geworden...

Das liegt bestimmt eher an dem frischen Gemüse, als an der literarischen Erquickung, die Ihnen vergönnt war. Ich selbst musste die ganze Woche verschmitzt schmunzeln. Vielleicht lag das aber vielmehr an den Sonnenstrahlen, die mir auf den Pelz brannten, als an dem Nonsens, den Maschinen so auf Knopfdruck erstellen. In der Landwirschaft ist das mit dem Knopfdruck doch etwas mechanischer, als in der IT. Trotzdem helfen uns Knöpfe dort auch ungemein. Wären auf dem Hof keine Maschinen, auf deren Knöpfe man drücken könnte, müssten hier sicher 10-20x so viele Menschen arbeiten. Vielleicht könnten auch Pferde und Esel motorlose Heuwender, Schwader und Mähdrescher ziehen, aber die würden dann ja auch noch von dem knappen Futter fressen wollen. Also könnten wir weniger Kühe halten, was ja auch ganz gut wäre, denn Melken ohne Knöpfe ist ziemlich anstrengend. Ach, da lobe ich mir doch die modernen Zeiten. Ja ich weiß, Verbrennungsmotoren sind auch nicht sooo toll, womit wir wieder bei globaler Erwärmung sind - ich habe den Eindruck ich drehe mich im Kreis. Aber wie soll denn ein Traktor mit Strom funktionieren? Den Akku gibt es ja gar nicht, der so viel Power hat. Genau!- also was liegt da näher als ein Kabel- haha genau werden manche da feixen, doch hier ein kleiner Auszug über ein neues Pilotprojek eines namhaften Schlepperherstellers:
"... wird der Prototyp über eine Kabelverbindung vom Feldrand aus mit Strom versorgt. Die Kabeltrommel reicht 1 km weit und kann über 300 kW übertragen. Bei Bedarf ist die Kabellänge erweiterbar. Während des Feldeinsatzes wird das Kabel sowohl beim Abwickeln als auch beim Aufwickeln von einem Roboterarm geführt. Eine Steuerung verhindert, dass sich Kabel und Traktor in die Quere kommen...Auf dem Feld folgt der elektrische Traktor vorgeplanten Pfaden. Dabei sind Fahrgeschwindigkeiten bis 20 km/h möglich. Der „Fahrer″ kann den Traktor auch mit einer Fernbedienung, beispielsweise am Vorgewende, steuern..."
Sie sehen die technologische Entwicklung macht vor nichts Halt. Aber war die Landwirtschaft nicht sogar der erste Bereich, in dem sich der Mensch Technologie zunutze gemacht hat? Ok, vielleicht Jagdutensilien und was zur Holzbearbeitung, aber dann kam sicher schon auch bald der Pflug und der Dreschflegel. Und auch die Kraft von etwas anderem als unseren Muskeln zu nutzen, war in der Erzeugung von Lebensmitteln wohl als erstes der Fall: Tieranspannung, wasser- oder windgetriebene Mühlen. Da ist es vielleicht recht und billig, wenn wir Bauern auch was von all dem Fortschritt und der Zivilisation haben. Anders gesagt: hätten wir das alles nicht, müssten Sie ran. Noch vor 150 Jahren war etwa die Hälfte der Deutschen in der Land- und Forstwirtschaft tätig. Inzwischen sind es noch 2%. Stellen Sie sich, wenn Sie mal wieder genervt ins Büro hetzen, doch einfach vor, Sie müssten stattdessen 8 Stunden am Tag melken oder den Stall von Hand ausmisten. Vielleicht hebt das die Stimmung. Vielleicht würde es manchen aber auch gefallen, sich mal wieder so richtig zu verausgaben, naja wozu gibt es denn Fitness-Studios oder Boot- und Drill-Camps? Genau, wofür eigentlich?
Mit offenen Fragen entlasse ich Sie wieder in eine Woche voller Wunder und grüße herzlichst für die Hofgemeinschaft
Ihr Henning Jahn