Liebe Kunden,
oh tempora, oh mores... ich werde alt.

Wir hatten mal wieder mehrere 5. Schulklassen zu Besuch und es ging mächtig zur Sache. In der Woche zuvor durfte ich eine Oberstufenklasse eines Gymnasiums mit einer Austauschschüler-Delegation aus Tansania begrüßen und empfand sowohl die einheimischen wie auch ausländischen Schüler interessiert und höflich. War mir hier nur ein ausgewähltes Portiönchen aus der Masse präsentiert worden? Ich weiß es nicht, aber mir würde es wohl leichter fallen, solche Schüler zu unterrichten als die wilden Fünftklässler. Zugegeben ich mag wilde Kinder, meine sind auch nicht ohne, aber das sind nur 2 und nicht 20 und was mich vor allem als Lehrer sehr aufregen würde, ist zur Schau gestelltes Desinteresse. Ich konnte damit so einigermaßen umgehen: Wer nicht will, der hat schon... aber wenn ich das jeden Tag ertragen müsste und es meine Aufgabe wäre, Inhalte zu vermitteln, würde ich verzweifeln. Hut ab vor allen, die sich dieser Herausforderung täglich neu stellen. Im Gespräch mit den Lehrkräften kam heraus, dass Mädchen in dem Alter viel einfacher zu händeln (ich habe das Wort gegoogelt und der Duden hat es noch nicht aufgenommen aber es wurde schon 2009 von der Zeitung Die Welt so verwendet) sind. Wer hätte das gedacht, außer Lehrern und Eltern von 10jährigen? Ich war der Meinung, dass die Mädchen durch die frühere Pubertät mit 10 schon anfangen Rabatz zu machen und die Jungen noch mit Fischertechnik spielen. Haha- Fischertechnik gibt es gar nicht mehr und spielen heißt jetzt daddeln und das einzige gültige Spielgerät heißt Konsole. Vorzugsweise werden Ego-Shooter online gezockt. Wenn die Eltern das Schlafen und die Empfehlung der FSK aber für richtig und wichtig halten, müssen sich die Kinder unter der Decke mit ihrem Smartphone wachhalten, bis die Eltern schlafen, ins Wohnzimmer schleichen und bis in die frühen Morgenstunden spielen, bevor sie sich scheinheilig wieder ins Bettchen legen und etwas später wohlausgeruht ihr Tagwerk vollbringen. Ja, so läuft das!
Ganz so drastisch und einseitig darf ich es natürlich auch nicht darstellen: am letzten Tag war ein Junge dabei, der praktisch alle Pflanzen erkannt hat, bestens über Verwendung und Anbau Bescheid wusste und auf meine Frage, ob seine Familie denn einen Garten habe, antwortete: "Ich spiele gerne Landwirtschaftssimulationsspiele"- ja, er SPIELT. Überhaupt war ich mit der Gruppe am letzten Tag am glücklichsten, sie hörten interessiert zu, stellten Fragen, fütterten mit Begeisterung die Schafe, es war toll. Unsere Gärtnerin Jenni, die auch einige Klassenführungen hatte, fand die Gruppe mit dem höchsten Anteil an Ego-Shootern am unterhaltsamsten, die waren so schön wild und rebellisch. Aber gerade so einen für etwas zu begeistern gibt ihr mehr als jemanden in Verzückung zu versetzen, der ohnehin schon von der Sache angetan ist.
Es ist doch toll, dass es für jeden was gibt, was ihm am besten taugt. Ich hätte früher zwar nicht erwartet, dass ich mit den Braven besser klarkomme, aber ich gehe offensichtlich gerne den Weg des geringeren Widerstandes und nehme die gerne mit, die sich mitnehmen lassen, wer mir aber den Rücken zudreht, während ich ihm versuche was mitzugeben, soll doch selbst sehen, wie er glücklich wird. Naja, vielleicht müsste ich einfach drüber stehen und darin den Loslösungsprozess der jungen Generation von uns alten Knackern sehen. Immerhin sind wir ja schon mit dafür verantwortlich, dass die Welt in dem derzeitigen Zustand ist. Ja, auch ich fahre immer noch gelegentlich Auto und kaufe Dinge mit Plastik - und solange ich das tue hat jedes von diesen wunderbaren Kindern das gute Recht mir den Rücken zuzukehren! Und wenn jemand von den Kids oder Lehrern das hier lies: Danke, dass ihr alle da wart. Ich hatte meinen Spass mit euch und wenn ich auch nur bei einem geschafft habe, Begeisterung zu wecken für das, was wir hier tun, war die Mission erfolgreich.
Für die Hofgemeinschaft
Henning Jahn