Liebe Kunden,
das Kreuz mit dem Agrarpaket:


Seit Anfang Oktober stehen an vielen Flächen unserer konventionellen Kollegen*innen grüne Kreuze als Ausdruck der Existenzbedrohung („Hier stirbt ein Landwirt“), mittlerweile fanden auch einige beeindruckend große Demonstrationen statt. Das Dach bildet der verbandsunabhängige Zusammenschluss „Land-schafft-Verbindung“. Die zentrale öffentliche Forderung: mitreden und mitgestalten dürfen.
Der Auslöser war die Vorstellung des sogenannten Agrarpakets im September 2019 durch die Bundesregierung mit Umschichtungen der Agrarmittel, einem „Aktionsprogramm Insektenschutz“ und einem staatlichen Tierwohllabel.
Wie stehen wir dazu?
Fangen wir mal beim Einfachsten an: dem Tierwohllabel. Label gibt es genug und das geplante ist sehr lasch – an dieser Stelle ist tatsächlich die Frage, ob die hier eingesetzte Energie das erwünschte Ergebnis erzielt oder ob nicht etwas mehr Ambitionen notwendig wären. Auch die teilweise Umschichtung der Direktzahlungen von der ersten in die zweite Säule ist ein eher harmloses Vorhaben – letztendlich geht es um gerade einmal ca. 5,- Euro je Hektar, die aber über entsprechende Umweltmaßnahmen in der zweiten Säule wieder abgerufen werden können. Da es sich dabei um öffentliche Mittel handelt, haben Sie alle übrigens die Möglichkeit, sich ein genaues Bild über die Mittelverteilung zu machen: Infos und Empfänger zu den EU-Agrarausgaben finden Sie online unter https://www.agrar-fischerei-zahlungen.de/agrar_foerderung.html.
Also geht es wohl eigentlich um das „Aktionsprogramm Insektenschutz“. Das Programm beinhaltet u.a. Anwendungseinschränkungen für Pflanzenschutzmittel in Schutzgebieten und Maßnahmen zur Reduktion des Stickstoffeintrags (z.B. breitere Gewässerrandstreifen). Damit hat dieses Aktionsprogramm es erstmals tatsächlich in sich, was wir an den verschiedenen Reaktionen sehen können:
BÖLW, BUND und WWF z.B. finden es gut, der Deutsche Bauernverband und die Unterstützer*innen des Bündnisses „Land-schafft-Verbindung“ fühlen sich bevormundet (was allerdings freundlich ausgedrückt ist, da auch von einer Diktatur der Ökoterroristen die Rede ist). Leider ist aber mittlerweile durch genügend ernstzunehmende Studien und Meta-Studien festgestellt worden, dass für das Insektensterben in gemäßigten Zonen besonders die durch Urbanisierung und industrialisierte, monokulturelle Landwirtschaft veränderte Landschaft verantwortlich ist. Zudem spielt dort Umweltverschmutzung - v.a. durch Pestizide und synthetische Dünger - eine große Rolle. Können wir das ignorieren? Können unsere Kollegen*innen das ignorieren? Es geht meines Erachtens um eine gewaltige gesamtgesellschaftliche Aufgabe, da tatsächlich in den letzten Jahrzehnten z.B. auf der einen Seite sehr einseitig gelehrt wurde und von Verbraucherseite immer billigere Lebensmittel gefordert wurden. Natürlich hätten Erzeuger wie Verbraucher längst ihr Handeln hinterfragen und sich über Alternativen Gedanken machen können, aber sich im Konjunktiv aufzuhalten ist müßig – wir müssen jetzt handeln, müssen jetzt extensiver werden. Und das, was wir als Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten versäumt haben, kostet uns jetzt richtig viel: Schulungen, fachliche Unterstützung, unter Umständen Aufbau von neuen Strukturen, finanzielle Ausgleiche etc. könnten auch unseren Kollegen*innen helfen, die mit dem grünen Kreuz auf ihre Not hinweisen wollen. Also Mitgestalten und Mitreden bei einer Umgestaltung der Landwirtschaft ist sinnvoll und wichtig. Dass dabei aber nicht alles beim Alten bleiben kann, ist auch klar. Denn wollen wir auch in Zukunft etwas zu essen haben, führt an einer Änderung unser aller Verhalten kein Weg vorbei!
Wir können dem Kreuz also eigentlich auch einen positiven Anstrich verpassen: statt für den Tod kann es auch für eine Kreuzung stehen, für die Möglichkeit neuer Wege, als Zeichen für „ich mache mit bei der Gestaltung einer in allen Aspekten zukunftsfähigen Landwirtschaft“ - vielleicht können das meine konventionellen Kollegen*innen ja auch so sehen. Denn dann verliert das Agrarpaket auf einmal an Bedrohlichkeit und wird zur Handreichung auf einen neuen Weg.

Für die Hofgemeinschaft,
Philipp Hennig